Nachdem ich einst den ersten Teil von Jack Whytes Templertrilogie regelrecht verschlungen habe und den “Schatz des Blutes” nur schwer wieder weglegen konnte, verging die Zeit und das Warten auf den zweiten Teil der Serie machte mich zu einem ständigen Besucher von Jack Whytes Webseite, um mehr über den deutschen Erscheinungstermin zu erfahren. Am 12. Januar war es dann endlich soweit, das Sequel “Die Brüdes des Kreuzes” erschien und – um es vorwegzunehmen – durch dieses Buch litt in Anbetracht des trostlosen Winters wirklich das eigene Privat- und Sozialleben, denn Jack Whyte hat es gar geschafft, sein Erstlingswerk aus seiner Templertrilogie zu übertreffen und mich als Leser süchtig nach diesem Werk zu machen!
Drehte sich beim Prequel “Der Schatz des Blutes” noch alles um die Gründung des Ordens und das Leben der neun Gründungsmitglieder, finden wir uns in “Die Brüder des Kreuzes” bereits in den Wirren des dritten Kreuzzuges wieder, in der sich die Schicksale der Protagonisten Alec Sinclair, Henry & Andre St. Clair und Richard “Löwenherz” Plantagenet auf eine fesselnde, direkte und teils auch brutale Art und Weise treffen – alle sind mehr oder weniger in christlicher Mission unterwegs und kämpfen gegen die Armeen Saladins, die den Franken und allen anderen Europäern just zu diesem Zeitpunkt die Vorherrschaft dort wieder entrissen haben. Das Richard nicht wie in vielen eher abenteuerlichen Romanen als der strahlende Held, sondern als ein skrupelloser, egozentrischer und jähzorniger Herrscher mit Vorliebe für das gleiche Geschlecht dargestellt wird, ist ein von Jack Whyte gesteuertes Mittel, das – ebenso wie die Denkweise der Muslime auf der anderen Seite – dazu beiträgt, zu differenzieren und weg vom jahrhundertelangen Schwarz-Weiss-Denken einmal zu erkennen, worum es den Menschen zu Zeiten der Kreuzzüge wirklich ging.
“Die Brüder des Kreuzes” ist primär ein 672 Seiten langer Roman, der wie andere Abenteuerromane daher kommt, aber aufgrund seiner sprachlichen Brillianz und der bereits aus dem ersten Teil beispielhaften Recherchearbeit des Autors eine breite Kluft zwischen sich und der breiten Masse der Templerromane – Autoren wie Robyn Young einmal aussen vor gelassen – schlägt. Jack Whyte fesselt, Jack Whyte klärt auf, vor allem regt aber Jack Whyte zum Nachdenken an: Was war wirklich dran an der Sagengestalt des Richard Löwenherz? Welche Verbindung gab es zwischen dem Templerorden und der Gilde der Assassinen? Existierte die Bruderschaft von Sion wirklich innerhalb der Organisation der Templer? Und was hatte Saladin den europäischen Armeen voraus? Die Möglichkeiten, Schlüsse aus diesem Werk zu ziehen, sind so mannigfaltig wie die Wege, die der Autor mit dem Leser geht, um diese zu erkennen. Jack Whyte bringt das Mittelalter in einer hemmungslosen Offenheit, aber mit einer historischen Schärfe zu Papier, die – zumindest mich als Leser – am Ende des Buches mit den Gedanken zurückliess, was wohl aus mir geworden wäre, wenn ich zu damaligen Zeiten gelebt hätte.
Dieses Buch muss man leben – denn es fesselt und lässt einen nicht los (das will man auch gar nicht!), welche bessere Art und Weise des Geschichtsunterrichts kann es heute geben? Ich danke Mr. Whyte für dieses Werk – ganz gleich, wieviele fiktionale Elemente dort eine Rolle spielen, die historischen Elemente überwiegen und die Art, wie sie es tun, lässt mich nur hoffen, das der Abschluss dieser Trilogie a) nicht mehr lange auf sich warten lässt und b) die Erwartungen erfüllt, die ich gerade in ihn gesetzt habe! Brilliant!
© 2009 Oliver Pifferi. Alle Rechte vorbehalten.