Ein Kriminaldebüt, ein Serienkiller, der sich für einen Nachfahren von Jack the Ripper hält, eine FBI-Agentin, die durch ihre persönliche Hölle gegangen ist und diese Reise immer noch nicht beendet hat und ein FBI-Team, das eigentlich unterschiedlicher nicht sein könnte – wenn da nicht die einzelnen jovialen und verletzlichen Züge eines jeden Einzelnen wären – Cody Mcfadyen legt die Messlate für sein Debüt (bewusst?) hoch und liefert mit “Die Blutlinie” (wer das Buch gelesen hat, wird diesen Titel passend finden, den Originaltitel “Shadow Man” jedoch noch viel, viel passender!) eine kriminaltechnische Hetzjagd über 480 Seiten, die es in sich haben.
480 Seiten, die – um mal eine Art von Resümee vorweg zu nehmen – von Anfang bis Ende beweisen, das die Bezeichnung “Pageturner” für eben solche Werke erfunden wurden, denn man kann sich dem Buch bereits nach den ersten Seiten nicht mehr entziehen, ein ständiges Umblättern ist Pflicht!
FBI-Agentin Smoky Barrett musste ansehen, wie ihr das Liebste genommen wurde – ihr Mann und ihre Tochter, brutal ermordet von einem Psychopathen, der Smoky – gefesselt ans Bett – an dem Leiden ihrer Lieben teilhaben liess – vergewaltigt und entstellt. Während die ehemalige FBI-Agentin überlegt, ob sie aufgrund dieses Verlustes lieber mit dem Leben Schluss machen soll, dreht sich der Wind des Schicksals erneut auf brutale Art und Weise und spielt ihrem Team und ihr eine schier unlösbare Aufgabe zu – die Jagd auf “Jack junior”, einem Wahnsinnigen, der nicht nur Smokys beste Freundin ebenso missbraucht und verstümmelt, sondern auch deren Tochter – Smokys Patenkind Bonnie – für drei Tage an der Leiche festgebunden hat.
Smoky und ihr Team stehen nun vor neuen Aufgaben und leben mit der Drohung, das jeder von ihnen erneut etwas Liebes verlieren wird, während der Killer mit ihnen versucht, Katz und Maus zu spielen und von einer monströsen in die nächste perverse Abart verfällt – der Leser taucht tief in die Wirren eines kranken Geistes, aber auch in den genialen Verstand der Protagonistin ein. Jeder Schritt könnte einer in die falsche Richtung sein, jede Reaktion des Teams ein Auslöser für einen weiteren Mord an einer Prostituierten – “Jack junior” will gefasst werden und stellt Smoky vor die entscheidende Frage, ob sie es überhaupt wert ist, ihn zu jagen…
Der Roman lebt von den detailverliebten Schilderungen des Autors, die nicht nur die einzelnen Charaktere, sondern auch die abartigen Verbrechen und ihre Schauplätze mehr als nur authentisch zum Leser transferieren und ihn quasi von einem Schockmoment zum nächsten “bugsieren”. Durch die Tatsache, das “Jack junior” dem Team auch immer den ein oder anderen Schritt voraus zu sein scheint und auch nicht vor den Familien der Teammitglieder halt macht, stellt Cody Mcfadyen deutlich die Diskrepanz zwischen Pflichterfüllung um jeden Preis und dem Schutz der eigenen liebgewonnenen Personen heraus – für welche Seite entscheiden sich die Ermittler um Smoky Barrett und wird Barrett den Kampf gegen den Drachen in ihr am Ende erfolgreich bewältigen? Der Roman beginnt spektakulär, verläuft noch spektakulärer und spätestens mit dem Ende, mit dem wohl nur die wenigsten rechnen, wird klar, das hier nur das erste Kapitel um eine bereits liebgewonnene Protagonistin aufgeschlagen wurde. Fakt ist, das Cody Mcfayden nicht nur ein Debüt der Extraklasse abgeliefert, sondern seit langem auch dafür gesorgt hat, das ich beim Lesen eines Buches die Angst in den eigenen Eingeweiden richtig spüren konnte – und das war ein Gefühl, was ich Anfang der Neunziger Jahre bei Stephen Kings “ES” das letzte Mal in diesem Masse gespürt habe.
Fazit also: Brilliant!
© 2009 Oliver Pifferi. Alle Rechte vorbehalten.