Rezension: “Patient Null” (Jonathan Maberry)

Auf „Patient Null“ bin ich – zugegeben – durch Zufall gestossen. In der Medizin stellt „Patient Null“ die ursprüngliche Quelle für den Ausbruch einer Krankheit innerhalb einer Population dar und sinnigerweise ist (im Gegensatz zu vielen anderen eingedeutschten Romanen) der englische Originaltitel „Patient Zero“ erhalten geblieben. Dieser ist dann auch Programm und lässt somit keinen Spielraum für Spekulationen – ein Terrorist (eben dieser „Patient Null“), den der Protagonist Joe Ledger innerhalb von fünf Tagen zweimal töten muss, schlägt für Ledger und den Leser die sprichwörtliche Tür zu einem weiteren Roman auf, indem es – so sollte man meinen – einfach mal wieder um die lebenden Toten geht. Das Jonathan Maberry aus dieser „ausgelutschten“ Vorlage dann aber eine positive Überraschung macht, ist indes nicht so vorhersehbar – doch das ist gelungen!

Der Stoff, aus dem Träume sind, schaut anders aus: Auf der einen Seite gibt es Joe Ledger, einen Polizisten, der urplötzlich Anführer einer neuen Regierungsspezialeinheit ist und sich mit den altgedienten Zombies herumschlagen muss. Als Gegenpart fungiert die immer noch präsente (und stets verdeutlichte) Angst der Amerikaner nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sowie eine düstere Liaison zwischen einem islamischen Fundamentalisten und einem gierigen Pharmaindustriellen, der fernab von Recht und Ordnung über Leichen geht. Das Ergebnis ist ein neues und von Menschenhand gezüchtetes Virus, das eine Wiederbelebung des toten menschlichen Körpers ohne die kognitiven Fähigkeiten ermöglicht und somit „Seif-al-Din“ („Das Schwert Gottes“, wörtlich: „Des Schicksals“) über Amerika bringen soll.

Vorab sollte man all diese bereits zu oft bedienten Stereotypen ausser acht lassen, denn der Hintergrund des  Romans an sich ist nicht originell und auch das Zombie-Thema ist nicht nur seit George A. Romero, sondern auch seit Danny Boyle’s „28 Days / Weeks later“ oder der wohlbekannten Videospielvorlage „Resident Evil“ eigentlich ein alter Hut. Auch am Islam als „Achse des Bösen“ und damit auch dem amerikanischen Feindbild Nummer Eins hat man sich mittlerweile genug ergötzt. Warum das Buch inhaltlich trotzdem fesselt, ist schwer zu erklären – vielleicht macht der sympathische und (natürlich) vom Leben gebeutelte Protagonist den gewissen Unterschied, vielleicht aber auch die thematisierte Frage, des „Was-Wäre-Wenn“ in Bezug auf einen biologischen Kampfstoff, der in den falschen Händen eine Apokalypse auslösen könnte? Auf jeden Fall schafft es Jonathan Maberry meiner Meinung nach, aus einem längst totgesagten Thema dank einer straffen und stets spannenden Erzählstruktur einen gelungen ersten Teil der geplanten „Joe Ledger“-Reihe zu schaffen und zumindest den Leser – aller Vorurteile zum Trotze – zum Nachdenken anzuregen. Warum? Jede Form von Radikalismus und Fanatismus hat einen Ursprung und kann im extremsten Fall in einem Desaster enden – die Frage ist immer nur, wie weit das jeweilige Individuum dafür gehen möchte.

Fazit: „Patient Zero“ ist inhaltlich kein literarisches Meisterwerk und hat diesbezüglich diverse Anleihen aus längst ausgiebig behandelten Themen aufgenommen, trotzdem ist der Roman gerade wegen der Spannungskurve und den sympathischen – wenn auch teilweise einseitigen – Charakteren eine positive Überraschung, die dem Zombie-Genre quasi „neues Leben“ einhaucht!

„Patient Null“ von Jonathan Maberry erschien in Deutschland im Heyne-Verlag unter der ISBN 978-3453526044.

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