Rezension: “Hiobs Brüder” (Rebecca Gablé)

England 1147: Eingesperrt in einer verfallenen Inselfestung, fristen sie ein menschenunwürdiges Dasein, weil sie nicht zu den Kindern Gottes zählen: Simon hat die Fallsucht. Edmund hält sich für einen toten Märtyrerkönig. Regy ist ein Mörder und so gefährlich, dass er an einer Kette gehalten werden muss. Losian hat sein Gedächtnis und seine Vergangenheit verloren. Ausgerechnet Letzterem fällt die Führung dieser sonderbaren Gemeinschaft zu, als eine Laune der Natur ihnen den Weg in die Freiheit öffnet. Er bringt die kleine Schar zurück in die “wirkliche” Welt, wo Hunger, Not und Rechtlosigkeit herrschen. Auf ihrer Reise gelangt er zu erschreckenden Erkenntnissen über den Mann, der er einmal war. Und gerade als er einer Frau begegnet, mit der ein Neuanfang möglich scheint, beginnt Losian zu ahnen, dass er die Schuld an dem furchtbaren Krieg trägt, der England zugrunde zu richten droht…

Der Klappentext des neuen Werkes von Rebecca Gablé macht einmal wieder Lust auf mehr, stehen doch diesmal nicht die Verwöhnten des Lebens als Protagonisten parat, sondern diejenigen, die im Mittelalter des 12. Jahrhunderts eher auf dessen Schattenseite standen – ein siamesisches Zwillingsbrüderpaar, ein Epileptiker und ein Mann ohne Gedächnis sind nur drei Beispiele. Durch eine (so scheint es) göttliche Fügung gelingt es der kleinen Gruppe, von ihrem Exil auf einer Insel auf das englische Festland überzusetzen. Doch dort warten Probleme, die es auf der Insel nicht gab – die Ungewissheit, die Fremde und die fehlende Akzeptanz der Bevölkerung in Bezug auf die seltsam anmutenden Kameraden, die ja vorher für sich waren.

Die Irren und Wirren der damaligen Zeit, der stetige Kriegszustand und das ewige Hin und Her zwischen den jeweiligen Parteien, die opportunistischer nicht sein könnten, werden von Rebecca Gablé auf gewohnt hohem geschichtlichen Niveau auf über 900 Seiten präsentiert und werden mit dem parallelen Handlungsstrang – der Entwicklung der Gemeinschaft, sprich: „Hiobs Brüdern“ – anscheinend mit Leichtigkeit verwoben. Die Grenzen zwischen Unterhaltung und Geschichtsunterricht verschwimmen spielend und auch die Rolle des Glaubens und seines Einflusses auf die damalige Zeit wird in Bezug auf alles, was man damals nicht richtig kannte oder vor dem man sich fürchtete, deutlich herausgehoben: Vor anderen Religionen (hier: Das Judentum) oder körperliche Gebrechen und Behinderungen hatte man schlichtweg Angst. Diese Angst basierte natürlich auf Unwissenheit und heute ist dies natürlich bekannt, im Mittelalter führte das aber zu einer Ausgrenzung der Betroffenen, wie es schlimmer nicht sein konnte – der Ausgangspunkt für die Situation der Protagonisten am Anfang der Handlung.

Wer sich wiederfinden wird (Losian ist nicht nur ein beliebiger Mann ohne Gedächnis und Vergangenheit!), wer sich wie im Laufe der Geschichte entwickelt (Simon und die Zwillinge) und wer auch aus historischer Sicht (Henry Plantagenet, der später nicht nur England für 35 Jahre regierte, sondern auch Vater von Richard „Löwenherz“ war) zu den Gefährten stösst und mit ihnen die Kriegswirren im Mittelalter des 12. Jahrhunderts beendet, ist Teil dieses wundervollen Romans, der den Leser von Anfang bis zum Ende in den Bann zieht. „Hiobs Brüder“ ist wegen der Bindungen zwischen den Protagonisten, der Handlungsschauplätze und der straffen Erzählstruktur ohne langweilige Lücken ein Werk, welches ich – und das will schon einiges heissen – auf einer Ebene mit Ken Follets „Die Säulen der Erde“ bzw. „Die Tore der Welt“ ansiedele. Mehr muss an dieser Stelle nicht gesagt werden, da ein jeder die wunderbare Welt von Rebecca Gablé selbst entdecken sollte!

Am Schluss erwartet den Leser noch ein Hauch Mystik, der mit einem Augenzwinkern das Ende des Buches ein wenig versüsst, auch wenn es für mich als Leser schwer vorstellbar ist, die wenigen freien Minuten am Abend nicht mit „Hiobs Brüder“ zu verbringen – zu lieb kann man die Hauptfiguren gewinnen, zu sehr hat man mitgefiebert. Eine Reise geht zuende, auf der man auf über 900 Seiten Teil eines Gesamtkunstwerkes deutscher Literatur war und das ist der einzige Kritikpunkt: Alles ist endlich – leider auch „Hiobs Brüder“!

Fazit also: Pflichtkauf – nicht nur für diejenigen wie mich, die sich speziell der Epoche des Mittelalters zugewandt haben. „Hiobs Brüder“ ist schlichtweg historische Literatur auf allerhöchstem Niveau und das sollte auch niemanden davon abhalten, die 24,99 EUR für die 912 Seiten auszugeben!

„Hiobs Brüder“ von Rebecca Gablé erschien in Deutschland Erenwirth Verlag unter der ISBN 978-3431037913.

© 2010 Oliver Pifferi. Alle Rechte vorbehalten.